Rechtsmedizinische Belange im ärztlichen Notfalldienst

A) Verhalten bei Todesfällen

1. Ärztliche Leichenschau

= letzter Dienst am Patienten und wichtige Weichenstellerfunktion bei der Erkennung von Todesfällen mit strafrechtlichen Folgen.

Aufgaben jedes Arztes zum korrekten Ausfüllen der amtlichen Todesbescheinigung:

  • Sichere Todesfeststellung = wichtigste Diagnose im Leben eines Menschen.
    Sichere Todeszeichen sind nur Totenflecken, Totenstarre und Fäulnis.
    Cave: Scheintod bei Hypothermie/Intoxikation!
  • Sichere Feststellung der Identität (im Zweifelsfall Polizei beiziehen).
  • Festhaltung der ungefähren Todeszeit.
  • Entscheidung, ob ein natürlicher, ein nicht-natürlicher oder ein unklarer Tod vorliegt.
  • Meldepflicht beim aussergewöhnlichen Todesfall an Polizei oder Untersuchungsrichter (s.u.).
  • Betreuung der Angehörigen.

2. Definition aussergewöhnlicher Todesfall (agT)

a) Nicht-natürlicher Tod = gewaltsamer oder auf Gewalt verdächtiger Tod, z.B. Unfall, Suizid, Delikt, aber auch: Tod nach/bei medizinischem Behandlungsfehler!

b) Unklarer Tod = nicht-natürlicher Tod ist möglich. Plötzliche und unerwartete Todesfälle, bei denen äusserlich nichts auf eine Gewalt hindeutet.

3. Meldepflicht des aussergewöhnlichen Todesfalles

Gemäss Gesundheitsgesetz Art. 22 des Kantons Bern besteht eine Meldepflicht des aussergewöhnlichen Todesfalles:

Personen, die einen Beruf des Gesundheitswesens ausüben, haben aussergewöhnliche Todesfälle unverzüglich den zuständigen Behörden zu melden.

Anmerkung: „Zuständige Behörden = Polizei (Tel. 117) oder Untersuchungsrichter (erreichbar via Polizei). Die Meldung sollte in der Regel an die Polizei erfolgen.

Nicht meldepflichtig sind nur sichere natürliche Todesfälle als logische Folge einer bekannten Krankheit. Der Notfallarzt kennt i.d.R. die Vorgeschichte/Lebensumstände des Verstorbenen nicht  und muss daher mit der Diagnose „natürlicher Tod“ zurückhaltend sein. Falls die Möglichkeit besteht, sollte mit dem Hausarzt Rücksprache genommen werden.

4. Verhalten am Tat- oder Fundort, Spurenschutz

Reanimationsmassnahmen haben Vorrang. Dennoch Kleider schonend behandeln, nicht aufreissen, nicht durch Schuss- oder Stichdefekte aufschneiden.

Wenn bei meldepflichtigem Fall die Rea erfolglos bleibt, folgendes beachten:

  • Nichts weiter verändern, nichts reinigen, nichts wegwerfen, nichts berühren (Fingerabdrücke, DNA), nicht unnötig herumgehen (Fussspuren). „Trampelpfad“ zur Leiche.
  • Ärztliche Injektionsstellen mit Kugelschreiber o.ä. umrahmen.
  • Meldung an Polizei, was durch Notarzt verändert wurde (Lage der Leiche, Strick durchgeschnitten, etc.).

5. Spezialfälle

Verkehrsunfall: Wer sass wo?, Gurten/Helm getragen?, Endlage eines wegtransportierten Körpers am Boden anzeichnen. Mithelfen, dass Leichen nicht unnötig lange auf der Strasse liegen bleiben. Leichentransport mit Sanität/Heli weder verboten noch gefährlich für Lebende (Merke: Es gibt kein Leichengift¨).

Schuss: Waffen nicht anfassen (Spuren, Waffe könnte geladen sein). Projektile, Hülsen nicht anfassen, nicht darauf treten. Cave: Projektile in der Kleidung! Projektile nur mit Plastikpinzette anfassen. Hände nicht reinigen (Schmauch).

Vergiftung (suizidal, deliktisch, unfallmässig): Herumliegende Medikamente, leere Blister im Abfall, Drogenbriefchen, Fixerutensilien, Gläser mit Rückständen, Einstichstellen, Schaum vor Atemöffnungen (Lungenödem), auffälliger Geruch? (Merke: CO ist geruchlos!).

Behandlungsfehler: Wenn die Möglichkeit besteht, dass die Person an einem Behandlungsfehler verstorben ist oder ein solcher z.B. von den Angehörigen postuliert wird, sollte der Fall der Polizei gemeldet werden. Zur Entlastung des Arztes empfehlen wir die Meldung bei jedem Todesfall in der ärztlichen Praxis!

Plötzlicher Tod eines Säuglings: Immer als agT behandeln. SIDS-Diagnose ist eine postautoptische Diagnose. Elternorganisation GEPS unterstützt Obduktion. N.B. ein Schütteltrauma ist ohne Obduktion nicht zu erkennen.

EXIT-Suizid: Muss als agT gemeldet werden.


B) Verhalten bei Körperverletzungen (Schlägerei, Messerstecherei, Schuss, Kindesmisshandlung etc.)

Dokumentation

Anamnese bezüglich Entstehung. Verletzungen genau beschreiben, wenn immer möglich zusammen mit einem Massstab fotografieren (Digitalkamera!)

Meldung an die Untersuchungsbehörden?

Im Kanton Bern besteht ein Melderecht gegenüber Polizei und Untersuchungsrichter bei Verdacht auf Vergehen oder Verbrechen gegen Leib und Leben, die Sittlichkeit oder die öffentliche Gesundheit.

Wenn zu einem vom Notarzt behandelten Fall schriftliche Fragen des Untersuchungsrichters eintreffen, dürfen diese bei einem Fall mit Melderecht oder Meldepflicht ohne Entbindung von der Schweigepflicht beantwortet werden (Auskunftsrecht).

Keine Meldung darf aber grundsätzlich beim offensichtlichen Selbstmordversuch/Selbstunfall erfolgen, da kein Vergehen oder Verbrechen gegen Leib und Leben.

Bei verletzten Kindern grundsätzlich auch an  Kindesmisshandlung denken. Bei entsprechendem Verdacht Rücksprache mit Hausarzt/Kinderarzt und entscheiden, ob die Kinderschutzgruppe beigezogen oder, bei gravierenden Fällen, ob die Untersuchungsbehörde orientiert wird.

Bei Verdacht auf Kindesmisshandlung besteht für jedermann ein Melderecht an die Vormundschaftsbehörde bzw. das Jugendamt (Gefährdungsmeldung).

Bei Unsicherheiten, Fragen: Wenden Sie sich ans IRM Bern:

IRM Universität Bern
Prof. Dr. med. U. Zollinger
Bühlstrasse 20
3012 Bern

Telefon: +41 31 631 84 06