Hausarztberichte

Berichte von behandelnden Ärzten – insbesondere von Hausärzten – werden von der IV häufig nicht berücksichtigt oder es wird ihnen ein geringerer Beweiswert zugesprochen als spezialärztlichen Berichten. Deshalb ist es für die behandelnden Ärzte wichtig, sich bewusst zu machen, worauf die IV als Rechtsanwenderin bei einem Bericht achtet und welche Kriterien erfüllt sein müssen, damit sie darauf abstellt.

1. Vollständigkeit: In der Rechtsanwendung wird Wert darauf gelegt, dass die ärztlichen Ausführungen vollständig sind. Dies bedeutet, dass der behandelnde Arzt möglichst die ihm vorliegenden Berichte anderer Ärzte in seine Beurteilung integrieren und allenfalls auch dazu Stellung nehmen sollte. Auch Angaben von Dritten, wie Angehörigen oder Arbeitgebern, sollten im Bericht Eingang finden.

2. Objektivität: Ein für die IV beweiskräftiger Bericht ist objektiv. Der Arzt muss einen Perspektivenwechsel vom behandelnden zum beurteilenden Arzt vornehmen, wenn er z.B. die Arbeitsfähigkeit einschätzen muss. Bezüglich der Befunderhebung bedeutet objektiv im Sinn der Rechtsanwendung verifizierbar. Erhebt der Arzt bei der körperlichen Untersuchung Befunde, können diese für ihn objektiv sein. In den Augen der IV sind sie es aber häufig erst, wenn sie z.B. durch bildgebende Verfahren oder Laboruntersuchungen bestätigt sind.

3. Krankheitsbegriff: Anders als die Medizin geht das Recht von einem bio-psychischen Krankheitsbild aus, unter Ausblendung der sozialen Aspekte. Werden im Bericht (zu viele) Ausführungen zu sozialen Krankheitsfaktoren gemacht, wird die IV diesen wegen der Berücksichtigung „IV-fremder“ Faktoren als nicht relevant beurteilen.

4. Begründung: Für die Rechtsanwendung ist die Begründung von gezogenen Schlüssen essentiell. So stellt die IV auf ärztliche Beurteilungen, namentlich der Arbeits- oder Erwerbsfähigkeit – erst dann ab, wenn sie durch den Arzt begründet werden.

Die IV-Stelle Kanton Bern führt zusammen mit der Ärztegesellschaft des Kantons Bern am Donnerstag, 22. Oktober 2015 die Weiterbildungsveranstaltung „Die IV im Spannungsfeld zwischen Medizin und Recht“ durch. Die Tagung hat zum Ziel, das Verständnis für die unterschiedlichen Sichtweisen von behandelnden Ärztinnen und Ärzten und der Versicherungsmedizin zu fördern. Teilnehmerinnen und Teilnehmer sind behandelnde Ärztinnen und Ärzte des Kantons Bern. Weitere Informationen erhalten Sie unter der E-Mail veranstaltungen@ivbe.ch.

Die vorstehenden Angaben stellen eine Zusammenfassung des an der Sozialversicherungsrechtstagung 2014 der Universität St. Gallen gehaltenen Referats „Arztbericht – eine medizinische Sicht“ von Dr. med. Simon Graf dar. Dr. Graf ist Facharzt für Allgemeine Innere Medizin, nebenamtlicher Oberrichter, Obergericht des Kantons Appenzell-Ausserrhoden. Ich danke Herrn Dr. Graf für die freundliche Genehmigung.

Nathalie Mewes, Fürsprecherin
Rechtsdienst Sozialamt Stadt Bern
Schwarztorstrasse 71
3007 Bern

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